Ærø – Zwei Tage wandern in der Südsee

Ærø ist eine Insel mitten in der Südsee – der dänischen Südsee, auch bekannt als Süd-Fyn’sches Inselmeer. Ærø liegt zwischen Jütland und dem kleinen Belt im Westen, der Insel Langeland im Osten und Fünen im Norden. Zwischen Ærø, Fünen und Langeland liegen zahlreiche kleine und kleinste Inseln zwischen denen vor allem im Sommer viele Segelschiffe kreuzen und in den seichten Buchten ankern.

 

Nach einem Familienurlaub auf Ærø haben wir beschlossen, direkt noch einmal zurückzukehren und auf einer zweitägigen Wanderung die Insel von Marstal im Südosten über Ærøskøbing – die Inselhauptstadt – nach Søby im Nordwesten zu durchqueren. Da die Wanderung auch verschiedene archäologische und historische Highlights zu bieten hat, muss natürlich auch hier im Hafenradio Blog davon berichtet werden!

Ærø ist eine ruhige und entspannte Insel. Das spürt man unmittelbar nachdem man die Fähre verlassen hat. Es gibt wenig Autoverkehr und diejenigen, die mit dem Auto unterwegs sind, nehmen erfreulich viel Rücksicht auf die zahlreichen Radfahrer und Fußgänger. Hektik ist praktisch nicht zu finden. So erlebt man die wunderschöne Insel auch am intensivsten auf dem Fahrrad oder eben auf einer Wanderung.

Man kann diese Wanderung sowohl in einen längeren Aufenthalt auf Ærø einbauen oder sich ein verlängertes Wochenende Zeit nehmen, zumindest wenn man im Norden Deutschlands lebt. In beiden Fällen ist die kostenlose Buslinie hilfreich, die stündlich zwischen Søby und Marstal verkehrt. Wir haben uns von Hamburg nach Ærø aufgemacht und insgesamt drei Tage Zeit genommen. Die Autofahrt nach Fynshav auf der Insel Als, die über Sønderborg mit dem Auto erreicht werden kann, dauert von Hamburg aus gute zwei Stunden. Von Fynshav geht im Sommer dreimal täglich eine Fähre nach Søby auf Ærø. Das Auto kann beim Fähranleger kostenfrei auf einem Parkplatz abgestellt werden. Alternativ kann man auch mit dem Zug über Flensburg und Sønderborg anreisen und dann mit dem Bus das letzte Stück zum Fähranleger zurücklegen. Wir haben die Mittagsfähre genommen, die nach 70-minütiger Überfahrt gegen 14:30 Uhr die Insel erreicht. In Søby steigen wir in den Bus, der uns kreuz und quer über die gesamte Insel in einer knappen Stunde bis nach Marstal in den äußersten Südosten bringt. Hier beziehen wir unser Zimmer im Marstaler Danhostel, einem alten Gebäude direkt am Hafen, das trotz Hochsaison fast leer zu sein scheint.

Insel Ærø - Seefahrtsmuseum in Marstal

Seefahrtsmuseum in Marstal

Marstal ist eine kleine Hafenstadt mit großer Geschichte als Seefahrerstadt, die ihre Hochzeit im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert hatte. In dieser Zeit beheimatete Marstal mit zeitweise über 200 Segelschiffen die zweitgrößte Handelsflotte Dänemarks, und der größte Teil der männlichen Bevölkerung fuhr zur See. Der Roman “Wir Ertrunkenen” von Carsten Jensen liefert hierzu eine eindrucksvolle, zum großen Teil auf historischen Begebenheiten basierende Beschreibung dieser Zeit. Im Seefahrtsmuseum wird die Schifffahrtsgeschichte der Stadt mit vielen Schiffsmodellen, Bildern und Objekten, welche von den Seeleuten aus aller Welt nach Marstal gebracht wurden, erklärt.

Wir haben am ersten Tag genug Zeit, einen Spaziergang durch den Hafen und über die vorgelagerte Landzunge “Erikshale” mit den für Ærø typischen bunten Strandhäuschen zu machen. Anschließend bummeln wir noch durch die Kirkestræde und gönnen uns ein kleines Abendessen in einem Pub mit schönem Biergarten – wie in Dänemark üblich, nicht wirklich günstig. Auch die Übernachtung ist mit insgesamt um 100 Euro weniger günstig als man es von einem Hostel erwartet, aber die Betten sind gut und das Frühstück reichhaltig. So können wir am nächsten Morgen frisch und gestärkt unsere Wanderung im Hafen von Marstal starten.

Insel Ærø - Hafen von Marstal

Hafen von Marstal

Wir wollen dem Wanderweg “Øhavsstien” folgen, einer insgesamt 220 Kilometer langen Route, die in sieben Abschnitten über die Inseln Fyn (Sydfyn), Tåsinge, Langeland und Ærø reicht. Der Øhavsstien auf Ærø beginnt in Marstal und führt über Ærøskøbing bis hinauf nach Søby. Die Strecke kann aber genauso gut in umgekehrter Richtung von Søby nach Marstal erwandert werden. Der etwas mehr als 38 Kilometer lange Weg ist über die gesamte Strecke ausgezeichnet markiert, sodass man sich kaum verlaufen kann. Eine Wanderkarte kann man sich schon auf der Fähre oder der Tourist-Information in Marstal kostenlos besorgen. Wer das verpasst hat, für den sind an manchen der Markierungen des Weges auch Info-Tafeln angebracht, sowie kleine Boxen, in denen man ebenfalls die Karten vorfindet.

Insel Ærø - Markierung Wanderweg Øhavsstien

Der Øhavsstien ist über die gesamte Strecke ausgezeichnet markiert – inclusive “Kaffeplet”

In Marstal führt der Weg zunächst durch ein Werftgelände und weiter am Ostseeufer entlang an schönen Villen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Dann geht es durchs Landesinnere Richtung Kløven-Bodden und der Ortschaft Kragnæs zum Gråsten Noor, einem durch Eindeichung gewonnenen Landstrich, der sich über die gesamte Breite der Insel erstreckt. Die Wegstrecke entlang am Ufer des Kløven-Bodden durchquert einige Feuchtwiesen, die auch als Pferdeweiden genutzt werden, aber für Wanderer geöffnet sind. Man trifft hier immer wieder auf die eigentlichen, in der Regel friedlichen Bewohner der Wiesen und Weiden. In der Nähe von Kragnæs erreichen wir unser erstes archäologisches Ziel, ein jungsteinzeitliches Ganggrab aus der Zeit um 3200 v. Chr. Das Ganggrab wurde in den 1970er Jahren vom Langelandmuseum ausgegraben und rekonstruiert. Es vermittelt dem Besucher heute sehr anschaulich, wie neolithische Großsteingräber dieses Typs ursprünglich angelegt waren. Wer sich traut, kann auch hineinkriechen und sich mit einer Taschenlampe die baulichen Details anschauen. Auf ganz Ærø konnte eine Vielzahl neolithischer Großsteingräber nachgewiesen werden, von denen heute noch einige zum Teil erhalten und im Gelände sichtbar sind. Im Süden der Insel wurden aber viele der Anlagen abgetragen und zum Bau der Hafenmole von Marstal verwendet. Die Hafenmole ist für die Stadt von besonderer Bedeutung. Sie wurde im 19. Jahrhundert über einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren von den Marstaler Seeleuten in den Wintermonaten errichtet, wenn ihre Schiffe im Hafen lagen. Die Mole bot den nötigen Schutz der Schiffe vor den Winterstürmen. Da die Marstaler vom Dänischen König keine Unterstützung zum Bau der Hafenmole erhielten, organisierten sie sich selbst und errichteten das über 1200 Meter lange Bauwerk in Eigenregie aus großen Findlingen. Noch heute erinnert ein Gedenkstein im Hafen an diesen gemeinschaftlichen Kraftakt, der für den wirtschaftlichen Erfolg der Stadt von großer Bedeutung war.

Insel Ærø - Das Ganggrab von Kragnæs

Das Ganggrab von Kragnæs

An der Stelle, wo der Wanderweg am Gråsten Noor seinen südlichsten Punkt erreicht hat und nach Westen abbiegt, kann man ihn verlassen und einen Abstecher zu den nur wenige Kilometer entfernten Dolmen von Lindsbjerg Dysse machen. Man wird mit einer teilweise restaurierten Großsteingräbergruppe, einem sog. Langbett sowie der Aussicht über einen Großteil der Insel belohnt.

Macht man diesen Umweg nicht, dann führt der Øhavsstien vom flachen Gråsten Noor einige Kilometer weit in das sanft hügelige Inselinnere zur kleinen Ortschaft Lille Rise, dann weiter durch bewaldete Abschnitte und vorbei an Wiesen und Feldern. Nahe Stokkeby steigen wir Richtung Norden hinauf auf einen Höhenzug der durch eiszeitliche Moränen geprägten Landschaft. Von dort hat man einen weiten Blick über den südöstlichen Teil der Insel und bis nach Ærøskøbing. Jetzt geht es wieder hinunter zur Küste und nach wenigen Kilometern erreichen wir die ersten Häuser von Ærøskøbing, dem Ziel dieses  Tages. Mit ca. 16 Kilometern ist diese Etappe leicht an einem Tag zu bewältigen und es bleibt genügend Zeit, um uns an den Vesterstrand in der Revi-Krog-Bucht zu legen und im flachen Wasser zu baden. Hier hat man an warmen wolkenlosen Hochsommertagen das Gefühl, am weißem Strand und im türkisfarbenen Wasser der Südsee zu sein. Das besondere sind, wie auch in Marstal, die kleinen bunten Strandhäuser, die ursprünglich in den 1920er Jahren errichtet wurden. In der Bucht ankern zahlreiche Segelboote. Alles zusammen ergibt mit der entspannten Stimmung der Insel das besondere Gefühl eines skandinavischen Inselsommers.

Insel Ærø - Strandhäuser am Vesterstrand in der Revi-Krog in Ærøskøbing

Strandhäuser am Vesterstrand in der Revi-Krog in Ærøskøbing

Ærøskøbing ist bis heute die Inselhauptstadt und beherbergt Institutionen wie das Krankenhaus der Insel oder das Standesamt, in dem sich auffallend viele Deutsche das Ja-Wort geben. Es gibt eine stündliche  Fährverbindung nach Svendborg auf Fünen. Das besondere an Ærøskøbing ist, dass das Stadtbild des 18. und 19. Jahrhunderts zum größten Teil bis heute erhalten ist und der Besucher sich um 200 Jahre zurück versetzt fühlt. Allein die modernen Autos kratzen hier und da an der Illusion. Dieses historische Stadtbild hat Ærøskøbing auch den treffenden Beinamen “Märchenstadt” eingetragen. Entsprechend dem besonderen Flair der Stadt wollen wir auch übernachten. Dafür haben wir uns im “Badehotel Ærø” direkt am Hafen ein einfaches Zimmer gebucht; Toiletten und Dusche auf dem Gang. Besonders die Duschen erinnern an eine Freibad-Duschkabine aus den 20er Jahren. Der bröckelnde Putz und abblätternde Lack passen zum Gesamtgefühl vom Urlaubs- und Badespass längst vergangener Zeiten. Die alten, im ganzen Hotel aufgehängten Photographien mit Badeszenen früherer Epochen lassen diese Zeiten lebendig werden. Der Übernachtungspreis ist ähnlich wie im Hostel in Marstal, und entsprechend geschrumpft ist auch das Budget für das Abendessen. Direkt am Hafen gibt es eine kleine Räucherei, wo man sehr guten, frisch geräucherten Fisch für einen ebenso guten Preis bekommt. Dazu sollte man das hervorragende, auf der Insel gebraute Ærø-Øl trinken. Hier kann draussen beim Essen die Abendsonne genossen, und der nächste Tag geplant werden.

Nach einem sehr guten Frühstück mit selbstgebackenen Rosinenbrötchen beginnen wir die zweite Etappe unserer Inselwanderung. Vor uns liegen knapp 22 Kilometer entlang der nordöstlichen Küste, weiter durch das Inselinnere im nördlichen Teil, ein Abstecher zur Westküste und schließlich das Ziel Søby. Von hier wollen wir zum Abschluss mit der Fähre gegen fünf Uhr nachmittags nach Fynshav übersetzen.

Zunächst gehen wir direkt am Hafen entlang in Richtung Versterstrand. Ein besonderes Gebäude im Hafen ist das so genannte “Kochhaus”. Da in dänischen Häfen ab dem späten 18. Jahrhundert der Gebrauch von offenem Feuer auf Schiffen untersagt war, wurden Kochhäuser errichtet, in denen die Schiffsbesatzungen ihre Mahlzeiten  zubereiten konnten. Heute ist das Gebäude als Grillhaus für Segler eingerichtet.

Insel Ærø - Das Kochhaus im Hafen von Ærøskøbing

Das Kochhaus im Hafen von Ærøskøbing

Nachdem man die Strandhäuser von Versterstrand hinter sich gelassen hat, geht es nahe der Küste Richtung Stokkeby Noor, einem weiteren, bereits 1856 trockengelegten Bodden. Nahe des Deiches, im nordöstlichen Teil des Noors, erkennt man eine Erhebung, die vormals als kleine Insel aus dem Bodden herausragte. Auf der Erhebung befinden sich die Reste einer mittelalterlichen Burganlage, der Kongens Bakker. Das Gelände ist heute weitgehend unzugänglich und am besten vom Deich aus zu sehen. Wir lassen das Stokkeby Noor hinter uns und wandern weiter in nordwestlicher Richtung entlang der Steilküste, die immer wieder den Blick über die Süd-Fyn’sche Inselwelt eröffnet. Nach weiteren drei Kilometern erreichen wir einen schönen Sand- und Kieselstrand, der sich in einem langen Bogen erstreckt. Hier liegen die Reste einer alten Schiffsbrücke, an der früher Ziegelsteine und Kohle zum Brennen der Steine verladen wurden. Am Strand finden sich noch immer vom Meer rundgeschliffene Reste der Ziegelsteine. Diese Gelegenheit sollte man unbedingt für ein weiteres Bad in der Ostsee nutzen, oder sich zumindest die Füße im Wasser kühlen.

Dann verlässt der Øhavsstien die Küste und führt landeinwärts in den Ærø Naturpark, einem Gebiet, in dem keine moderne Bebauung stattfindet und viele Bereiche renaturiert werden. Es geht durch die hügelige Moränenlandschaft hinauf zu einem Rastplatz in einer kleinen Aufforstung, der nochmals einen weiten Blick über das Meer und zurück bis nach Ærøskøbing bietet.

Das nächste archäologische Ziel ist Søbygaard, ein befestigter Gutshof aus dem 16. Jahrhundert, der über viele Jahre hinweg restauriert wurde und heute für Veranstaltungen und Kunstausstellungen genutzt wird. Das noch komplett erhaltene Herrenhaus stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde auf den Grundmauern und dem Keller des Vorgängerbaues errichtet. Unmittelbar neben dem Gut erheben sich die imposanten Überreste einer Befestigungsanlage aus dem 12. Jahrhundert, die zum Schutz gegen die Überfälle der Wenden angelegt wurde.

Insel Ærø - Der Gutshof von Søbygaard

Der Gutshof von Søbygaard

 

Insel Ærø - Die Mittelalterliche Burganlage von Søbygaard

Die Mittelalterliche Burganlage von Søbygaard

Es handelt sich um eine Doppelbefestigung auf einem Hügel, die noch sehr gut erkennbar und begehbar ist. Die gesamte Anlage lag ursprünglich nah am Ufer eines schiffbaren Boddens, der ab dem späten 18. Jahrhundert trockengelegt wurde und heute das Vitsø Noor bildet. Im Gegensatz zu den anderen Nooren der Insel ist dieses durch große Wasserflächen geprägt und bietet vielen Vogelarten und Pflanzen ein Refugium. Ein eigener Wanderweg führt um das Vitsø Noor, der nochmal 2-3 zusätzliche Kilometer erfordert. Hier muss man allerdings auf die Zeit achten, da die Nachmittagsfähre die letzte Verbindung zum Festland für den Tag ist. Auch kann man noch einen Abstecher an die Nordküste hinter dem Noordeich machen, einen Geröllstrand der nicht unbedingt zum Baden einlädt. Aber mit etwas Glück können hier, oder später von der Fähre aus, Schweinswale beobachtet werden, die im kleinen Belt noch zahlreich vorkommen.

Auf den letzten drei Kilometern der Wanderung überquert man noch einmal einen eiszeitlichen Moränenrücken und erreicht Søby, die jüngste der drei Städte auf Ærø. Søby ist heute als Hafen- und Fischereistadt mit der größten Werft, neben Landwirtschaft und Tourismus, der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Insel. Wir erreichen den Hafen eine halbe Stunde vor Abfahrt der Fähre, die sich dann aber um eine weitere halbe Stunde verspätet. So bleibt genug Zeit, um noch etwas von der warmen Nachmittagssonne zu genießen, bevor es zurück nach Fynshav geht.

Insel Ærø - Fähre im Hafen von Søby

Fähre im Hafen von Søby

Gegen halb neun Uhr abends sind wir wieder zurück in Hamburg – aber es kommt uns vor, als ob wir gerade von einem weit entfernten Ort in der Südsee heimgekehrt sind.

Fotos: Isabel Venjakob

Christoph Haffner

Christoph Haffner

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