Vier keltische Ringwälle und ein römischer Grabhügel in zwei Tagen

1995 bin ich mit meinem Vater und meinem Bruder zwei Tage durch den Hunsrück gewandert, von Otzenhausen über einen Höhenzug bis nach Kempfeld. Die Idee war, an diesen zwei Tagen insgesamt vier keltische Befestigungsanlagen, sogenannte Ringwälle, und einen rekonstruierten, römischen Grabhügel zu besuchen. Diese kleine Wandertour ist mir als eine wunderbare Kombination aus Naturerlebnis und archäologischen Denkmälern in Erinnerung geblieben, ganz abgesehen davon, dass es ein sehr schönes und, wie so oft, zu seltenes, intensives Verbringen gemeinsamer Zeit war.

Im Mai 2015, gute zwanzig Jahre später, haben meine Frau und ich beschlossen, diese Wanderung zu wiederholen und zwei Tage lang den Hunsrück zu genießen. Die spannende archäologische Geschichte zu den Ringwällen und deren Erforschung habe ich in einem Gespräch mit meinem Vater im HR005 Podcast festgehalten – so kann sich jeder, der sich für keltische Kultur, Wallanlagen und Oppida interessiert, oder diese Route ebenfalls wandern möchte, mit umfangreichem Hintergrundwissen aus erster Hand versorgen.

 

Wie 1995 beginnen wir unsere Tour am Parkplatz des Hunnenrings von Otzenhausen, der im äußersten Nordosten des Saarlandes liegt. Von dort geht es über einen Höhenweg weiter Richtung Vorkastell bei Börfink. Der Höhenweg folgt einem alten Grenzweg und ist heute Teil der sehr schönen Saar-Hunsrück-Stieg Wanderroute. Vom Vorkastell geht es weiter nach Allenbach, wo wir im Hotel Steuer übernachten. Am zweiten Tag steigen wir auf zur dritten Burganlage auf dem Ringskopf nahe Allenbach und von dort hinunter Richtung Siesbach, wo wir einen rekonstruierten, römischen Grabhügel besuchen. Die letze Etappe führt dann über Kirschweiler und das tief eingeschnittene Tal des Idarbaches, durch eindrucksvolle Geröllfelder – im Volksmund “Steinrauschen” genannt – hinauf zur Wildenburg bei Kempfeld, dem Ziel unserer Wanderung. Wenn man sich einen dritten Tag Zeit nimmt, kann man noch eine weitere keltische Befestigungsanlage einbeziehen, die Altburg bei Bundenbach.

Hunsrück - Abschnittswall Hunnenring bei Otzenhausen

Abschnittswall Hunnenring bei Otzenhausen

Die Befestigungsanlagen liegen allesamt auf einem Höhenzug, der dem höheren und größeren Bergrücken des Hunsrücks, bestehend aus dem Hochwald und dem Idarwald, südöstlich vorgelagert ist. Auf diesem Höhenzug finden sich also nicht die höchsten Erhebungen mit dem Erbeskopf (816 m) und Idarkopf (745 m), aber er ist weit aus mehr zergliedert und weist immer wieder exponierte Kuppen und Gipfel auf. Diese eignen sich wegen meist mehrerer steil abfallender Hänge hervorragend für die Anlage einer Befestigung. Somit gestaltet sich die Wanderung auch in vielen Abschnitten sehr abwechslungsreich und lediglich zwischen dem Vorkastell und dem Ringskopf bei Allenbach galt es einige monotonere Abschnitte auf schnurgeraden Forstwegen zu überwinden.

Der Hunnenring von Otzenhausen ist bestimmt die beeindruckenste Anlage, vor allem der noch heute über zehn Meter hohe Abschnittswall lässt die Größe der Befestigung erahnen. Am Fuße des Berges wird derzeit ein Freilichtmuseum aufgebaut, das einen guten und lebendigen Eindruck vermitteln soll, wie eine keltische Siedlung der späten Eisenzeit ausgesehen und funktioniert hat. Die ca. 17ha große Innenfläche wurde nach Süden, Westen und Osten durch ein doppeltes Mauersystem gesichert, nach Norden durch den noch heute mehr als 10m hohen Abschnittswall. Auf dem Hunnenring konnte eine spätkeltische Bebauung aus dem 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. nachgewiesen werden. Aufgegeben wurde die Anlage um 50 v. Chr., etwa  zeitgleich mit dem Auftauchen eines römischen Militärlagers, das einige Kilometer entfernt mit einer Sichtverbindung errichtet wurde. Der Hunnenring kann wahrscheinlich als ein relativ kleines, sogenanntes Oppidum interpretiert werden. Oppida waren soziale, wirtschaftliche, religiöse und militärische Zentren in einer keltischen Stammesregion.

Vom Hunnenring geht es über einen Höhenweg weiter über den Dollberg, den mit über 694m höchsten Berg des Saarlandes, in Richtung Vorkastell bei Börfink. Wir folgen hier einem alten Grenzweg, der heute ein Teil des Saar-Hunsrück-Stieg Wanderweges ist. Diesen verlassen wir bei Muhl, um von dort weiter nach Börfink zu kommen. Hier steigen wir in einem weiten Bogen hinauf zum Vorkastell auf dem über 620m hohen Buhlenberg. Diese Befestigungsanlage ist wilder und weniger erschlossen als der Hunnenring. Die Anlage wurde bis heute nicht systematisch archäologisch untersucht, konnte aber anhand von Einzel- und Streufunden in die Eisenzeit datiert werden. Von einem unbewaldeten Steilhang, an dem ein großes Geröllfeld aus der abgerutschten Befestigungsmauer entstanden ist, hat man einen großartigen Ausblick über das Trauntal.

Hunsrück - Blick vom Vorkastell über das Trauntal

Blick vom Vorkastell über das Trauntal

Wir lassen das Vorkastell hinter uns und machen uns auf in Richtung Allenbach, dem Ziel des ersten Tages. Die Route führt hier weiter über den Höhenzug entlang langer, gerader Forstwege. Um etwas Abwechslung in die Strecke zu bringen, beschließen wir zunächst in das Tal zwischen den beiden Hunsrück-Höhenzügen abzubiegen. Das ist auch erst einmal die richtige Entscheidung, allerdings folgt dann ein über mehrere Kilometer schnurgerades Stück entlang einer kleinen Straße, die bis nach Hüttgeswasen ständig bergauf geht. Man sollte besser dem Höhenweg folgen, um dann später nach Norden abzubiegen, Richtung Allenbach.

Nach insgesamt über 27 Kilometern erreichen wir am frühen Abend das Hotel Steuer in Allenbach, wo uns ein gutes Abendessen und ein gutes Bett erwarten. Am nächsten Morgen lassen wir Allenbach hinter uns und steigen auf zum Ringskopf, der dritten keltischen Befestigungsanlage auf unserer Route. Der Ringskopf wurde bereits Mitte der 1930er Jahre intensiv ausgegraben und wird in das 5/4 Jh. v. Chr. datiert. Noch heute gut sichtbar sind neben den typischen Steinwällen die Reste der Kammertoranlage, die bei den Ausgrabungen 1935/36 freigelegt wurde.

Hunsrück: Zeichnung der Toranlage des Ringskopf bei Allenbach nach W. Dehn, H. Eiden, W. Kimmig 1937

Toranlage des Ringskopf bei Allenbach nach W. Dehn, H. Eiden, W. Kimmig 1937

Wie auch das Vorkastell ist der Ringskopf eine beeindruckende Mischung aus Natur- und Kulturdenkmal mit steinernen Überresten der keltischen Kultur im Hunsrück und wildem, sich weitestgehend selbst überlassenem Wald. Vom sogenannten Felsenturm, der in die Befestigung integriert war, hat man einen wunderbaren Ausblick über Allenbach hinweg auf den nördlichen Höhenzug des Hunsrück mit Hoch- und Idarwald.

Hunsrück - Der Felsenturm auf dem Ringskopf bei Allenbach

Der Felsenturm auf dem Ringskopf bei Allenbach

Von hier geht es wieder hinunter in Richtung Siesbach, wo wir uns den rekonstruierten römischen Grabhügel “Kipp” aus dem 2. Jh. n. Chr. anschauen möchten, der uns eindrucksvoll vor Augen führt, wie die keltische Bevölkerung der Treverer im Hunsrück römische Sitten, Gebräuche und Kultur adaptierte. Diesen Prozess bezeichnet man auch als Romanisierung der keltischen Bevölkerung.

Hunsrück - Römischer Grabhügel "Kipp" bei Siesbach

Römischer Grabhügel “Kipp” bei Siesbach

Weiter geht es über eine alte Straße entlang an Misch- und Nadelwald, Feldern und einem Golfplatz nach Kirschweiler. Hier kommen wir wieder auf den Saar-Hunsrück-Stieg, der uns hinunter in das tief eingeschnittene Tal des Idarbaches führt und dann in Serpentinen durch große Geröllfelder, so genannte Steinrauschen, hinauf zur Wildenburg bei Kempfeld. Die Wildenburg ist wie das Vorkastell und der Ringskopf wahrscheinlich vor allem als Fluchtburg zum Schutz vor Feinden genutzt worden, und konnte durch archäologische Ausgrabungen in die Eisenzeit datiert werden. Befunde aus spätrömischer Zeit zeigen, dass während der Zeit der Germaneneinfälle die Anlage für Schutzsuchende wieder reaktiviert wurde. Im Mittelalter wurde hier eine kleine Burg errichtet, deren Name auf die Erbauer, die Wildgrafen von Kyrburg, zurückgeht. Hier wurde in jüngerer Zeit ein mittelalterlich anmutender Aussichtsturm errichtet, von dem aus man nahezu den gesamten Hunsrück überblicken kann. Innerhalb der Anlage konnten keltische Siedlungsreste aus dem 3. und 1. Jh. v. Chr. nachgewiesen werden.

Hunsrück - Rekonstruierter "Murus Gallicus" auf der Wildenburg

Rekonstruierter “Murus Gallicus” auf der Wildenburg

Zum Schluß besichtigen wir noch die rekonstruierten Befestigungsmauern, eine so genannte Pfostenschlitzmauer und ein Murus Gallicus, wie er von Julius Caesar beschrieben wurde. Diese Rekonstruktionen vermitteln am Ende der Wanderung noch einmal sehr plastisch, wie keltische Befestigungsmauern ursprünglich ausgesehen und funktioniert haben.
In der Gaststätte in der unteren Burg kann man die Wanderung dann bei einem Bier und einem Abendessen in Ruhe ausklingen lassen, oder die mögliche, dritte Etappe zur Altburg planen.

Fotos: Isabel Venjakob

Christoph Haffner

Christoph Haffner

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Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

    • Christoph Haffner

      Hallo Michael – freut uns sehr, dass dir der Beitrag gut gefallen hat!

      Viele Grüße,
      Christoph

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